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Teilzeit mit 27

Nach fünf Jahren Vollzeitjob reduzierte ich meine Arbeitszeit auf Teilzeit. Genauer gesagt auf 18 Wochenstunden.

Altersteilzeit mit 27.

 

Kindheitstraum: Wanderer

Was wolltest du als Kind werden? Tierarzt? Rennfahrer? Ich wollte Maler und Wanderer werden.

Als ich erwachsen wurde tat ich diese Ideen als Kinderträume ab. Doch nach ein paar Jahren Bürojob erinnerte ich mich wieder an sie. Abgesehen von der Tatsache, dass man als Maler und Wanderer nicht wirklich ein geregeltes (bis gar kein) Einkommen hat – eigentlich schöne Tätigkeiten. 

 

Ein Hamsterrad schaut von innen aus wie eine Karriereleiter.

 

Willkommen in der Karrieremühle

Nach dem Studium und drei Jahren im ersten Job fragte ich mich ob das alles sei. Waren Kindergarten, Schule und Uni nur Vorbereitung auf das was danach kam? Vorbereitung auf einen Job in dem man täglich 8 Stunden am Schreibtisch verbrachte und dessen Highlights aus Beförderungen, Feiertagen und Urlaubsgeld bestanden? Ich fühlte mich desillusioniert, hintergangen. Das war nicht das was ich erwartet hatte. Ich kämpfte für ein Sabbatical, nahm 6 Monate unbezahlten Urlaub um mir klar zu werden wie ich mein Leben gestalten wollte. Schnell wurde klar: Ich wollte Veränderung.

teilzeit

 

Arbeiten um zu leben vs. leben um zu arbeiten 

Ich kam zu dem Schluss, dass es für mich nicht den einen Job gab dem ich mich ein Leben lang widmen wollte. Ich sehnte mich nach möglichst viel Freiraum und Unabhängigkeit. Meine Wunschvorstellung war eine selbstständige Tätigkeit und die Entkopplung von Arbeit und Einkommen. Die eigenen Ideen und Träume verwirklichen. Frei und unabhängig sein.

Zudem spukte mir mein Typ 1 Diabetes im Kopf herum. Die Diagnose war mittlerweile 26 Jahre her und ich wusste ich nicht wie viele „gute“ Jahre mir blieben. Eine weiterer Grund für die Entscheidung mein Leben zu ändern. Jetzt.

Der logische Schluss wäre vermutlich gewesen den Job zu kündigen.

Soweit kein Problem. Gab es nur noch die Frage nach dem Einkommen. Wie sollte und wollte ich meinen Lebensunterhalt verdienen? Zudem wollte ich im Krankheitsfall abgesichert, also krankenversichert sein.

Was also war der nächste sinnvolle Schritt auf meinem Weg nach möglichst viel Unabhängigkeit und kreativem Freiraum? Die Reduzierung meiner Arbeitszeit.

Ich wollte Teilzeit arbeiten. So viele Stunden, dass ich davon leben konnte und ich mich in meiner Kreativität nicht eingeschränkt fühlte, und so wenige, dass mir dennoch ein größtmöglicher Freiraum blieb. 

 

teilzeit

 

Mit kritischen Stimmen umgehen

Dies schreibe ich nun locker in ein paar Zeilen, der Weg dorthin war jedoch um einiges schwerer. Ich erntete eine Menge Unverständnis:

„Wie? Du arbeitest Teilzeit? Mit 27?“ oder:

„Oh toll! Teilzeit würde ich auch gerne machen, endlich weniger arbeiten! Aber mein Arbeitgeber würde es nicht erlauben./ Aber ich kann es mir finanziell nicht leisten./ Aber das wäre der Karrierekiller schlechthin.“

Die meisten dieser Aussagen fußen in der selben Empfindung: Angst. Angst davor, was passieren würde, wenn man aus den gewohnten Mustern, aus dem bekannten System aussteigt. Angst vor Veränderung, Angst vor der Verurteilung anderer, Angst davor, was passieren würden, würde man auf das Herz statt auf den Kopf hört.

Denn objektiv betrachtet sind die Aussagen leicht zu entkräften: Dir muss nur klar sein, was dir wichtiger ist: Ein hoher Lebensstandard oder Zeit? Denn wenn du genau hinschaust, brauchst du zum Leben nicht viel. Zug statt Auto, Bodensee statt Bali, all das geht. Du musst nur definieren, was dir wichtiger ist und dich dann entscheiden.

Die Gespräche mit meinem Arbeitgeber waren anfangs nicht leicht. Vor aller innere kritische Stimmen ließen mich an meiner Entscheidung zweifeln. Doch je näher ich der Entscheidung kam, desto leiser wurden die Stimmen, bis sie schließlich verstummten und ich meine eigene Stimme hören konnte. Und ich wusste dass ich mich richtig entschieden hatte.

 

teilzeit

 

One day you finally knew
what you had to do, and began,
though the voices around you
kept shouting
their bad advice–
though the whole house
began to tremble
and you felt the old tug
at your ankles.
But you didn’t stop.

You knew what you had to do.
But little by little,
as you left their voices behind,
and there was a new voice
which you slowly
recognized as your own,
that kept you company
as you strode deeper and deeper
into the world,
determined to do
the only thing you could do–
determined to save
the only life you could save.

(Mary Oliver)

*** Noch mehr über Sinnsuche findest du hier. ***

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